Lesen heilt Computerspielsucht…

… und jede andere Form von Mediensucht ebenso. Wie ich darauf komme? Lass mich Dir von einem meiner typischen Wochenenden erzählen. Einem der vielen Wochenenden in den 22 Jahren meiner Computerspielsucht.

Endlich geschafft – Wochenende! Halb drei Nachmittag. Den Rucksack in die Ecke, die Wohlfühlklamotten an, den Wochenendeinkauf habe ich bereits auf dem Weg nachhause erledigt. Fertignudeln, Pepsi, einen Döner, Chips, Schokolade, Milchbrötchen, Milch, einen eimer Griespudding dazu, zwei Packungen Tortellini, die billige Tomatensoße dazu und einen Pack Parmesan. Wenns nicht reicht, muss ich eben am Samstag nochmal los. Was interessiert mich Diabetes, ich brauche Energie für das Wochenende. Mein Nervensystem wirds schon leisten.

Von da an bewege ich mich keinen Schritt mehr aus der Wohnung. Bis Montag Morgen sieht mich niemand, hört mich niemand und hoffentlich riecht mich auch niemand. Denn für duschen habe ich keine Zeit. Denn ich bin abgelenkt. Ich bin im Training. Gaming, Googlen, Musik hören, WhatApp schreiben, Livestreams verfolgen, Blogartikel schreiben, mir in meinen stärksten Zeiten über das Wochenende bis zu 17x Quetschkommode spielen. Der Bildschirm meines PC’s zeigt im stündlichen bis halbstündlichen Wechsel immer wieder andere Inhalte. Gleichzeitig wird meine Aufmerksamkeit immer wieder von neuen Inhalten aus YouTube oder meinem Smartphone unterbrochen. Gaming gibt’s nicht ohne gleichzeitig einen Film zu schauen, einen Livestream oder einem Podcast zu folgen. Zwischendrin noch Essen in mich reinschaufeln und nochmal die Hand in der Hose verschwinden lassen. Abgesehen von den wenigen Stunden Schlaf dazwischen ist das der Ablauf über das gesamte Wochenende. Wochenende für Wochenende und Gott bewahre, wenn mir Feiertage und Brückentage diese Zeit verlängerten. Mein körperliches System badete im Glückshormon Dopamin und meine Aufmerksamkeit wurde durch das viele Hin und Her zwischen den jeweiligen Inhalten völlig zerstört.

Mit der Zeit wurde ich unglaublich gut, mich in schneller Abfolge auf unterschiedliche Dinge konzentrieren zu können. Das Problem damit: Ich konnte mich in deutlch abnehmendem Maße auf nichts mehr längerfristig konzentrieren. Ich brauchte ständig Neuigkeiten, ständig das Nächste, ständig einen anderen Reiz. Kein Thema und kein Video waren mir plötzlich länger als ein Paar Minuten interessant genug. Meine Aufmerksamkeitsspanne sank ins Bodenlose. Social-Media-Experten propagierten in diesen Jahren: Der durchschnittliche Social-Media-Nutzer hat nur noch die Aufmerksamkeitsspanne von unter sechs Sekunden. Selbst ein Goldfisch hatte mehr. Das war ich.

In der Folge übertrugen sich diese Schwierigkeiten auf mein Privatleben und schlussendlich auch auf mein berufliches Weiterkommen. Ich trennte mich von Computerspielen, reduzierte meinen Medienkonsum, doch verblieb weiterhin im digitalen Umfeld. Und wie das so ist mit Drogen – änderst Du nicht Dein Umfeld und hast die Drogen nicht Zuhause, dann nimmst Du sie auch nicht. Nachdem ich also zwischenzeitlich überzeugt war, dass Social Media beispielsweise unverzichtbar für meinen beruflichen Erfolg sein würde, sprach ich über mein weiterhin bestehendes Aufmerksamkeitsdefizit mit meiner Partnerin.
Am Ende der Unterhaltung trennte ich mich vollends von Social Media und sämtlichen Unterhaltungsapps auf meinem Smartphone, löschte alle Accounts und degradierte mein Smartphone zu einem reinen Werkzeug. Und meine Partnerin zog mir nach. Seither sind wir frei von Social Media und anderen digitalen Ablenkungen wie YouTube. Wollen wir etwas sehen oder uns berieseln lassen, haben wir es uns nun möglichst schwer gemacht, auch dabei zu bleiben. Emails werden nur noch ein Mal am Tag abgerufen, das Handy liegt stumm in der Ecke und der Laptop ist die meiste Zeit im Schrank verstaut. Auf unseren gemeinsamen Wegen im öffentlichen Raum waren die Smartphones ohnehin immer im Rucksack verstaut und für den eigenen Arbeitsweg gilt das seit zwei Wochen auch. Seither habe ich mich zwei Mal dabei erwischt, wie mein Kopf sich bei einem längeren Fußweg mit Worspielen bei Laune hielt, statt mich zum Gebrauch des Smartphones zur Ablenkung zu nötigen.

Bleibt jedoch das innere Bedürfnis, mich z.B. am Wochenende mit irgendetwas zu beschäftigen. Denn so schön wie diese Maßnahmen allein auch sein mögen, Konzentration und langfristige Beschäftigung mit einer einzigen Sache in der Tiefe will wieder gelernt werden. Das ergibt sich nicht einfach so. Also entschied ich mich, sehr zur Freude meiner Partnerin, meiner durch Computerspiele verloren gegangenen Faszination am geschriebenen Wort und damit Büchern erneut einen Platz in meinem Leben zu geben. Seither sind zwei Wochen vergangen und ich mache es an einem bestimmten Ereignis fest, dass Bücher es schaffen, mich von meinem Aufmerksamkeitdefizit zu heilen. Der Faktor Zeit. Zwar waren es nur jeweils 60 bis 90 Minuten am Stück, die ich mich auf dieses Buch konzentrieren konnte, doch diese Minuten waren im Grunde wie weg. Nicht existent. Als ob ich die Zeit vergessen hätte. Ich war irgendwie im Flow. Gelebter Eskapismus. Und das Schöne dabei: Ich habe mich diese Zeit lang mit nur einem einzigen Medium, einer einzigen Geschichte und mit nichts anderem drumherum beschäftigt.Noch dazu konnte ich mich hinterher sehr gut an das erinnern, womit ich mich soeben beschäftigt hatte.

Es scheint wohl also so als sei das Lesen eines Buches auf die Geschwindigkeit der menschlichen Aufnahmefähigkeit von Inhalten ausgerichtet. Keinen Deut zu schnell oder zu langsam. Alles, worauf ich ich in einem Buch konzentrieren muss steht in den Zeilen, die ich lese. Lesen und Verstehen. Dann bleibt es auch hängen und komischer Weise kann ich das von meinen 22 Jahren Computerspielen nicht behaupten. Es git nur sehr sehr wenige Titel, die mir wirklich ernsthaft im Gedächtnis geblieben sind.

Ich komme also zu dem Schluss, dass Bücher für mich als hochsensiblen Menschen und vielleicht auch für Dich eine der besten Möglichkeiten darstellen, Dich von den Folgeerscheinungen einer Sucht nach digitalen Medien zu heilen. Langsam, stetig, aber möglich. Zu diesem Schritt braucht es sicher einiges an Selbstreflexion und Bereitschaft, doch am Ende muss jeder von uns den Weg gehen, der für ihn der Beste zu sein scheint. Ich für meinen teil wähle die Bücher, das Lesen, das Schreiben und die Ruhe, die mir diese Dinge vermitteln.

“Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.”

– Heinrich Heine –