Alles zurück auf Anfang

Plötzlich stehe ich da. In einer Gegend, die ich nicht kenne. Ich muss einen Weg finden, den ich zu vergessen haben scheine. Ich weiß genau, dass ich einen Zug erwischen muss. Nur welchen? Und wohin genau? Ich weiß nur, dass ich an diesen Ort kommen muss. Es regnet, es ist kalt. Ich stehe in eine Regenjacke gehüllt, einer Mütze auf dem Kopf und einem Rucksack auf dem Rücken unter einer vor dem Unwetter schützenden Brücke. Die gemauerte Wand hinter mir wirkt kalt, nass und dreckig. Das alles fühlt sich einfach nicht wirklich an. Ich kann kam zwei Meter weit sehen und es fühlt sich an, als stünde ich hinter einer Glasscheibe, das Treiben auf der Straße beobachtend. Doch schaue ich von unter der Brücke her ins Freie, blendet mich gleißend weißes Licht. Es wirkt fremd und doch kommt es mir so vertraut vor. Ich habe Angst, nicht zum rechten Zeitpunkt zum rechten Ort zu kommen. Ich fühle mich orientierungslos.

Als ich erwache bemerke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Gerade noch in diesem Traum, in dem sich alles so unwirklich anfühlte, habe ich das gleiche Gefühl auch hier draußen – in der kalten, realen Welt. Also packe ich die Superwaffe aus – Selbstreflexion – und ich stelle fest: Hier draußen bin ich genauso orientierungslos wie in meinen Träumen. Was sofot einleuchtet – sind Träume schließlich nichts anderes als die Verarbeitung dessen, was wir am Tage bewusst oder eben auch unterbewusst wahrnehmen.
Also schnappe ich mir später am Tag ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber und fange an, mich zu sortieren. Ich schreibe meine Gedanken auf und komme nach zwei Stunden mit leiser Musik auf den Ohren und einem vollgetinteten Blatt Papier zu folgendem Schluss: Es ist ein Neustart notwendig. Denn wo ich derzeit bin, bin ich nicht richtig und wo ich hin will, war mir bis eben keinen Deut klar.

Ich beschließe also, mich von grundauf neu aufzustellen und mich als Mensch, Person und Persönlichkeit mit all meinen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen neuzu betrachten. Ich muss anders mit mir umgehen lernen. Als hochsensibler Mensch (HSP, Highly Sensitive Person) muss ich mit meinen mittlerweile 38 Jahren anfangen, mehr auf meine Bedürfnisse zu achten und besser auf mich achtzugeben.
Von Computerspielen und Pornografie hatte ich mich ohnehin schon vor vielen Jahren verabschiedet, mein Arbeitsumfeld in den sozialen Bereich verlagert und mein Arbeitspensum gesenkt. Alles Schritte in die richtige Richtung. Doch jetzt stehe ich an einem Punkt, an dem ich einen Schritt weiter gehen muss und mich um die eher unangenehmen Verhaltensänderungen zu kümmern. Die, die jeden Tag von Bedeutung sind und einem gewissen Maß an Selbstdisziplin und Eigenverantwortung bedürfen. Und ehrlich zu sich selbst zu sein, ist nicht immer einfach.

Ich musste mir eingestehen, dass ich viel zuviel Medien konsumiere. In einem Maß, dass mir als hochsensibler Mensch kaum noch Ruhepausen gönnte. Ich fühlte mich gestresst, unausgeruht, gehetzt, negativ beeinflusst, abgelenkt, irritiert. Ich suchte mehr nach den Meinungen anderer und nach dem, was da draußen so angesagt ist, als einfach mal auf den einzigen Menschen zu hören, auf den es ankommt: Mich selbst. Die Folge: Good bye Social Media – Konten gelöscht. Kein Email, kein Youtube und keine anderweitigen “Zeitvertreibsapps” auf meinem Smartphone. Kein Netflix-Abo mehr – also auch kein Binge-Watching mehr. Die Nintendo Switch meiner Partnerin und mir lag ohnehin schon Monate lang ungenutzt im Schrank und setzte Staub an. Mit anderes Worten: Dauerhaftes digitales Entgiften. Digitale Medien tun mir schlicht und ergreifend nicht gut.

Beruflich/ öffentlich Fokus auf das eigene Blog und den Podcast als Nebenschauplatz. YouTube und ich werden so schnell sicher keine Freunde mehr. Und das nicht nur, weil YouTube und Google kein Laden ist, den ich guten Gewissens unterstützen kann. Der Leistungsdruck, den ich mir dort selbst gemacht hatte, war nicht mein Weg. (Noch dazu ist der Verbrauch derartiger Datenmengen und der damit verbundene Energiebedarf die sichere Fahrkarte in die Klimakatastrophe.) Es brauchte für mich also fast drei Jahre, um mir das bewusst zu machen. Besser jetzt als später. Ich bin also eher der Schreiberling. Das war ich irgendwie schon immer. Am liebsten mit einem Stift und Papier und Musik auf den Ohren. Dann kann ich so richtig in meine Gedankenwelt abtauchen und bringe erstaunliches zutage. Also warum nicht genau darauf hören?
Meine Faszination für das geschriebene Wort hört jedoch an dieser Stelle noch nicht auf. Etwas, dass 22 Jahre lang unter einem riesigen Berg von Computerspielen und der damit verbundenen Sucht verborgen lag: Bücher und Lesen. Eine Begeisterung, die ich jetzt gerade erst wieder entdecke und der ich nur deshalb wieder nachgehen darf, weil ich meine Sucht hinter mir gelassen habe. Meine ersten beiden Bücher habe ich bereits geschrieben, also was liegt da näher als mich auf genau diese Dinge zu fokussieren? Lesen, Schreiben, semianalog.

Semianalog deswegen, weil mein minimalistisches Ich nach Entscheidung mit meiner Partnerin vom Kauf echter Bücher absah und ich mich für einen neuen Tolino Vision 5 entschied. Semianalog deswegen, weil ich meine bald folgenden Bücher (Ideen habe ich zuhauf) auf dem Papier analog entwerfe und dann im digitalen für die Abgabe an einen Verlag vorbereite.

Warum ich mich zunächst aus der Öffentlichkeit zurückziehe und lieber im stillen Kämmerlein vor mich hin arbeite? Weil es mir schlicht besser damit geht und ich glücklicher bin. Rampensau und extrovertiert kann ich nur bis zu einem gewissen Rahmen sein und für ein Gespräch 1v1 oder einen Vortrag reicht es sicher aus. Ich denke ich komme ganz sympathisch rüber. Doch dann sind meine Batterien am Ende des Vortrages eben auch völlig leer und ich brauche sehr viel Zeit allein, um sie wieder aufzuladen. Mehr Zeit als ein normalsensibler Mensch braucht. Und wie ich lernen durfte, kommt mein Hang zu Süchten unter anderem davon, dass ich nie auf mich geachtet und sowohl meinen Körper wie auch meinen Kopf aber eben auch meine Seele (der emotionale Teil eines Menschen) konstant überfordert – also zu hohem Stress – ausgesetzt habe.

Ernährungsseitig wird ab sofort auf Zucker verzichtet, auf weißes Mehl und die dazugehörenden Backwaren. Letztere ist schon ein harter Einschnitt für mich, weil es einfach unfassbar gut schmeckt, aber das enthaltene Gluten zerstört mich nach lediglich zwei Brötchen für etliche Stunden. Und Zucker macht süchtig. Genau wie Computerspiele, Smartphones, Social Media, Zigaretten und Alkohol. Punkt. 🙂

Due siehst also, wenn ich mehr Klarheit, Fokus und eine Richtung für mich haben möchte, dann muss ich eine ganze Menge ändern und genau das werde ich jetzt. Denn am Ende bleibt mir eben nur dieses eine Leben und ich allein bin derjenige, der es leben darf. Also auch zu meinen Bedingungen. Ich trenne mich von vielem, doch gewinne ich dadurch noch viel mehr. Glück, Lebensqualität und Zeit. Vier Schritte zurück können eben doch manchmal zehn nach vorne bedeuten.

Jetzt fragst Du Dich sicher: “Und was hat das jetzt mit mir zu tun?” Ich schenke Dir Zeit. Denn wie oft ich hier einen Artikel veröffentlichen werde oder wie oft eine Episode meines Podcastes erscheinen wird, das steht derzeit noch in den Sternen. Dazwischen hast Du Zeit, über das hier Geschriebene zu sinnieren oder Dich mit anderen DIngen zu beschäftigen. Gleichzeitig schenke ich Dir mehr Abwechslung, denn hier auf dieser Website wird es sicher in Zukunft noch mehr Themen geben, als immer nur dieses trübe Thema der Computerspielsucht. Ich bin kein Spezialist. Der möchte ich auch gar nicht sein. Ich bin Generalist, weil ich mehr bin als nur ein Thema. Ich als Mensch, mit all meinen Interessen, Eigenschaften, Fähigkeiten und Einstellungen habe mehr zu bieten als nur ein einziges Thema. Ich lasse mich nicht in irgendeine Rolle drücken, denn ich heiße Ben Zollmann und mein Leben ist bunt und abwechslungsreich. Warum sollte ich Dir das vorenthalten? Warum sollte ich Dich mit den immergleichen Themen langweilen? Wenn es mir keinen Spaß macht, dann Dir sicher auch nicht.

Und bevor ich es vergesse: Eine Kommentarsektion findest Du auf meiner Website vergebens. Denn wie einst ein weiser alter Mann mal sagte:

“Foren und Kommentarsetkionen. Nirgendwo wirst du mehr Abschaum und Verkommenheit versammelt finden als hier.”

Obi-Wan Kenobi